Im ersten Licht

Aus dem neu­en Roman von Nor­bert Gst­rein.

Adri­an war selbst nicht im Krieg gewe­sen, aber drei­mal im Lauf sei­nes Lebens hat­te er mit jun­gen Män­nern zu tun, die im Krieg gewe­sen waren und die dann sein wei­te­res Leben jeweils für lan­ge bestimm­ten. Das ers­te Mal war er gera­de neun­zehn gewor­den, 1920 das Jahr, und hat­te in der klei­nen Stadt in der Nähe von Salz­burg, in der er auf­ge­wach­sen war, im Hotel Schwa­nen an der Rezep­ti­on zu arbei­ten begon­nen, als er hör­te, in der Eller­schen Vil­la am See soll­ten den Som­mer über Kriegs­ver­letz­te unter­ge­bracht wer­den. Etwas, das ihm zunächst nicht als groß bemer­kens­wert erschien, weil man den Ver­sehr­ten über­all begeg­ne­te und er im Grun­de genom­men nur zur rich­ti­gen Stun­de vor das Hotel tre­ten muss­te und zuse­hen konn­te, wie dort der Vete­ran sei­ne Stel­lung bezog, der sich auf einem Roll­brett beweg­te, weil er kei­ne Bei­ne mehr hat­te, und einem den Klin­gel­beu­tel wie in der Kir­che an einem lan­gen Stab unter die Nase hielt.

Norbert Gstrein © Gustav Eckart

Nor­bert Gst­rein. Foto: © Gus­tav Eck­art

Sze­nen wie die­se gehör­ten zum All­tag, aber als der jun­ge Herr aus der Vil­la eines Nach­mit­tags zum ers­ten Mal auf der Hotel­ter­ras­se auf­tauch­te, war es doch etwas ande­res. Die Kell­ne­rin hat­te Adri­an dar­auf auf­merk­sam gemacht, und er war an das Spei­se­saal­fens­ter getre­ten und hat­te hin­aus­ge­schaut, und da war er geses­sen, ganz am ungüns­ti­gen Ende der Ter­ras­se, von dem man kei­nen Blick auf den See hat­te und wo sich sonst nie jemand hin­setz­te. Ein jun­ger Herr, ja, und ihm fehl­ten weder Arm noch Bein, aber er hat­te etwas mit dem Gesicht, und die Kell­ne­rin, die zu die­ser Tages­zeit allein die Bedie­nung bestritt, die ein­zi­ge Frau in der Rie­ge, woll­te nicht zu ihm hin­aus­ge­hen, sie sag­te, sie fürch­te sich, und bat Adri­an, sie zu ver­tre­ten, obwohl er nicht für das Ser­vie­ren zustän­dig war, und er ging hin­aus und bedien­te den jun­gen Herrn, hat­te sei­ne Rezep­tio­nis­ten­uni­form an, doch das stör­te die­sen nicht. Es war ein win­di­ger Tag, Som­mer­be­ginn, noch im Juni, nicht beson­ders warm, aber auch das schien dem jun­gen Herrn nichts aus­zu­ma­chen. Er saß in Hemd und Hose da und sah Adri­an beim Bestel­len nicht an, mit dem wil­den Zick­zack von Nar­ben, die sich kreuz und quer durch sein Gesicht zogen und es in vier gegen­ein­an­der ver­scho­be­ne Qua­dran­ten zer­leg­ten, der Mund wie halb ins Pro­fil ver­setzt. Der Sta­chel­draht­ver­hau in sei­ner Fres­se, so nann­te der jun­ge Herr es viel spä­ter ein­mal, und da war es nicht der „Sta­chel­draht­ver­hau“, der schmerz­te, es war die „Fres­se“, er hät­te sich das Wort spa­ren sol­len. Die Nase war offen­sicht­lich rekon­stru­iert, aber immer­hin war es eine Nase, wenn auch viel­leicht nicht sei­ne, doch die Augen mit den unru­hi­gen Pupil­len und dem ein­mal fah­ri­gen, dann wie­der behar­ren­den Blick konn­ten nur sei­ne Augen sein, weil nie­mand Augen trans­plan­tier­te.

Am Tag dar­auf kam er wie­der, und die Kell­ne­rin wei­ger­te sich wie­der, ihn zu bedie­nen, und so war Adri­an schon für den jun­gen Herrn zustän­dig gewor­den, als der weni­ge Tage spä­ter zum drit­ten Mal erschien und die Wir­tin ihm auf­trug, er sol­le sich ruhig ein biss­chen um den Gal­gen­vo­gel küm­mern, das war ihr Aus­druck für ihn. Zwei, drei Wor­te dann immer­hin an die­sem Tag, und am nächs­ten Tag wie­der zwei, und in der zwei­ten Woche sprach Adri­an schon mit ihm, muss­te jedoch fest­stel­len, dass der jun­ge Herr nicht sehr gesprä­chig war. Nichts aus ihm her­aus­zu­brin­gen, nicht, woher er kam, nicht, wo er im Krieg gewe­sen war, nicht, wie er sich sei­ne Ver­wun­dung zuge­zo­gen hat­te, ein rich­ti­ges Tabu, es nur zu erwäh­nen, und auch nichts von vor dem Krieg, rein gar nichts. Wenn man ihm Fra­gen stell­te, war er auf eine Wei­se unwirsch, dass man es lie­ber gleich blei­ben ließ, und das begann schon mit dem Namen, weil er sich wei­ger­te, sei­nen Namen oder auch nur irgend­ei­nen Namen zu sagen, mit dem man ihn hät­te rufen kön­nen, und sei es im Not­fall.

„War­um sind Sie so neu­gie­rig? Nen­nen Sie mich, wie Sie wol­len! Ich pfei­fe dar­auf! Wozu soll­te ich einen Namen brau­chen?“

Er sag­te nicht: „Mit die­sem Aus­se­hen“, aber das schwang ein­deu­tig mit, und kaum dass Adri­an ihm dann sei­nen Namen gesagt hat­te, mach­te er sich lus­tig dar­über.

„Hei­ßen Sie wirk­lich Rei­ter?“

Er schnalz­te tat­säch­lich zwei‑, drei­mal mit der Zun­ge und schien sich nur gera­de noch zurück­zu­hal­ten, nicht mit sei­nen Fin­gern einen Galopp auf den Tisch zu trom­meln.

„Viel gerit­ten schei­nen Sie in Ihrem Leben aber nicht zu sein“, sag­te er und war sich nicht zu scha­de für das Wort­spiel.

„Das sehe ich an Ihrer Nasen­spit­ze. Wis­sen Sie über­haupt, wo bei einem Pferd vor­ne und wo hin­ten ist? Es gibt ein paar hilf­rei­che Merk­ma­le, mit Ver­laub.“

Als er das nächs­te Mal kam, hat­te der jun­ge Herr einen ande­ren aus der Vil­la dabei, einen Kame­ra­den, wie er sag­te, und der nann­te ihn Lem­berg, und Adri­an kam erst nach und nach drauf, dass der Grund war, dass der jun­ge Herr Sät­ze äußern konn­te wie „Ist Lem­berg noch in unse­rem Besitz?“, ein lee­rer Satz natür­lich, eine unsin­ni­ge Fra­ge im Jahr 1920, aus dem ban­gen­den Wien des ers­ten Kriegs­jah­res her­über­ge­ret­tet, Spott und Iro­nie oder eine voll­kom­me­ne Ver­leug­nung der Rea­li­tät, wenn er es nur einen Augen­blick ernst mein­te. „Wir hät­ten Lem­berg nie­mals den Rus­sen über­las­sen dür­fen“, war ein ande­rer sol­cher Satz, den Adri­an spä­ter von ihm zu hören bekam und der eine gan­ze Lita­nei aus­lö­sen konn­te: „Riva nie­mals ver­lie­ren“, „Dal­ma­ti­en nie­mals“, „Gali­zi­en“, „die Dolo­mi­ten“, ein Spiel, das sich fast ad infi­ni­tum fort­set­zen ließ, weil nach den lan­gen Jah­ren des Krie­ges alles ver­lo­ren war. „Wie steht es eigent­lich um Prze­mysl?“ Man konn­te sich durch die gan­ze Mon­ar­chie buch­sta­bie­ren und noch die hin­ters­te Ecke des ehe­ma­li­gen Rei­ches mit einem eben­so sinn­lo­sen wie kate­go­ri­schen „Nie­mals!“ bele­gen, und auch Adri­an war nicht gefeit dage­gen, ganz im Gegen­teil, er war mehr als emp­fäng­lich dafür.

„Wir hät­ten das Meer nicht ver­lie­ren dür­fen.“

Wer von den bei­den hat­te das an die­sem Tag gesagt, der jun­ge Herr oder der ande­re, den er aus der Vil­la mit­ge­bracht hat­te? Adri­an erin­ner­te sich spä­ter nicht mehr, aber er wuss­te im sel­ben Augen­blick, dass der Satz sei­ne Rich­tig­keit hat­te, und sprach ihn bei allen mög­li­chen Gele­gen­hei­ten aus, bis er ihm zu einer Selbst­ver­ständ­lich­keit wur­de und er gar nicht wei­ter dar­über nach­den­ken muss­te und auf ein­mal eine blöd­sin­ni­ge Sehn­sucht nach Fiume hat­te, weil es Fiume nicht mehr gab und es längst Rije­ka hieß und zu Jugo­sla­wi­en gehör­te. Ohne das Meer in alle Ewig­keit nur mehr beschränk­te Alpent­rot­tel, ohne das k. und k. Meer und die k. und k. Mari­ne, und Wien allein half nicht, Wien mach­te alles noch elen­der. Wer hat­te das wie­der gesagt?

„Wenn uns wenigs­tens die Adria geblie­ben wäre. Das Meer wür­de uns zu sanf­te­ren Men­schen machen. Allein schon das Wort, allein schon, es aus­spre­chen zu kön­nen, ohne die­sen Ver­lust zu emp­fin­den, allein schon das Wis­sen, dass man nicht ein für alle Mal davon abge­schnit­ten war.“

Der ande­re hieß Ste­g­ner, war von einem grö­be­ren Kali­ber, und von ihm lag schnell alles offen zuta­ge, weil er gar nicht mehr zu brem­sen war, wenn er ein­mal zu erzäh­len anfing. Ein Süd­ti­ro­ler aus dem Pas­sei­er, zwei Kriegs­win­ter in den Dolo­mi­ten, abge­fro­re­ne Zehen an bei­den Füßen, ortho­pä­di­sche Schu­he, als hät­te man ihm Hufe ver­passt, und ein gro­ßes Stück von sei­ner Schä­del­de­cke, auf einer Sei­te weit vor in die Stirn lap­pend, durch eine Metall­plat­te ersetzt, über der er eine Leder­kap­pe mit einer Kor­del trug, die er angeb­lich von sei­ner Ver­lob­ten hat­te, fehl­ten ihm nur die Hör­ner. Ein Tiro­ler Kai­ser­jä­ger, was viel­leicht ein biss­chen harm­los klang, aber in Wirk­lich­keit bedeu­te­te es, dass er einer Eli­te­ein­heit für den Gebirgs- und Win­ter­krieg ange­hört hat­te. Ste­g­ner woll­te gese­hen haben, wie eine Lawi­ne eine gan­ze Kom­pa­nie aus einem Hang gefegt hat­te, sech­zig Mann, gera­de noch da, im nächs­ten Augen­blick mit Sack und Pack ver­schwun­den, am Ort­ler, wie er ein­mal sag­te, aber dann hieß es wie­der, an der Mar­mo­la­ta, dann wie­der, am Col di Lana, und er behaup­te­te steif und fest, sie sei­en alle sei­ne Freun­de gewe­sen, und nann­te die Geg­ner, nann­te die ehe­ma­li­gen Fein­de unter­schieds­los Rus­sen, obwohl er in den Dolo­mi­ten mit Sicher­heit nir­gend­wo gegen Rus­sen gekämpft hat­te.

„Einen Gra­ben aus­put­zen?“ sag­te er. „Kunst­stück ist das kei­nes. Man muss nur wis­sen, wo die Teu­fel ste­cken. Ein paar Hand­gra­na­ten vor dem Sturm, und der Rest ist dann ein Kin­der­spiel. Wenn es ans Ster­ben geht, sind Rus­sen auch bloß Men­schen.“

Sie kamen von da an alle paar Tage, der jun­ge Herr und Ste­g­ner, aber Gäs­te wie ande­re wur­den sie nie, und in der fünf­ten Woche besuch­te Adri­an sie schließ­lich in der Vil­la. Zwei Tage davor waren sie wie­der an ihrem Platz geses­sen, und plötz­lich war Kar­la erschie­nen, und das Auf­tau­chen der jun­gen Frau hat­te genügt, dass sich für die bei­den mit einem Schlag alles änder­te. Dabei konn­te Adri­an spä­ter nicht ein­mal sagen, was ihre ers­te Reak­ti­on gewe­sen war, als sie sahen, wie sie daher­kam, ob ihre Freu­de über­wo­gen hat­te oder der Schre­cken, aber er merk­te, wie sie sich einen Ruck gaben und wie erstarrt dasa­ßen, als erwar­te­ten sie, dass sich ihr Schick­sal erfül­le. Kar­la, mit der Adri­an seit ein paar Mona­ten am See­ufer spa­zie­ren­ging und die er schon geküsst hat­te, und jetzt stand sie vor ihnen, die Son­ne im Gesicht, ihr ein wenig stäm­mi­ger und so tap­fe­rer Kör­per, wie er immer dach­te, wenn ihm klar wur­de, wie fra­gil sie gleich­zei­tig war, und hat­te nicht die lei­ses­te Scheu, obwohl der jun­ge Herr und Ste­g­ner sich ihr gegen­über wie zwei unheim­li­che Schat­ten aus­nah­men, ermu­tig­te sie und mach­te es ihnen auf jede nur erdenk­li­che Wei­se leicht. Sie half im See­hof am ande­ren Ufer aus, war dort Kell­ne­rin und sag­te nicht, dass das bloß die hal­be Wahr­heit war, denn sie war auch die Toch­ter des Wirts und den Umgang mit Frem­den gewohnt und trieb, wenn über­haupt, viel­leicht ein biss­chen zu viel Kon­ver­sa­ti­on mit den bei­den und erweck­te für Adri­an am ehes­ten dadurch den Anschein, dass doch nicht alles so selbst­ver­ständ­lich für sie war. „Kar­la“ wie der letz­te Kai­ser, die weib­li­che Form sei­nes Namens, nur zähl­te der letz­te Kai­ser nicht mehr, weil er nur mehr den Unter­gang ver­wal­tet hat­te und schon der vor­letz­te der letz­te gewe­sen war, aber das war sicher nicht etwas, das sie bedrück­te, so unbe­schwert, wie sie sich gab.

„Was für ein schö­ner Tag, nicht! Waren die Her­ren schon schwim­men? Das Was­ser ist kühl, aber umbrin­gen tut’s einen nicht.“

Nichts bei ihr, jeden­falls fast nichts, was auch nur den kleins­ten Hin­weis dar­auf gege­ben hät­te, dass der jun­ge Herr und Ste­g­ner etwas mit ihren Gesich­tern hat­ten, und auch sie schlu­gen sich wacker, dreh­ten beim Spre­chen zwar unwill­kür­lich die Köp­fe weg, aber spra­chen immer­hin, reih­ten ein Wort an das ande­re und bil­de­ten Sät­ze. Woher sie kom­me? Sie höre sich wie eine Ein­hei­mi­sche an. Ob sie aus der Gegend sei oder nur Feri­en am See mache? Der jun­ge Herr höf­lich, dass es schmerz­te, ihm bei sei­nen Artig­kei­ten zuzu­hö­ren, Ste­g­ner ver­le­gen und förm­lich, als über­leg­te er, sei­ne Leder­kap­pe abzu­neh­men und sich in einem fort zu ver­beu­gen, und bei­de so, als woll­ten sie von der jun­gen Frau gleich­zei­tig ange­se­hen und nicht ange­se­hen wer­den.

„Was kann uns schon umbrin­gen?“

Hat­te der jun­ge Herr oder Ste­g­ner das gesagt? Wer auch immer, es hat­te geklun­gen, als hät­ten sie es längst hin­ter sich, und gelacht hat­ten sie bei­de. Und dann Ste­g­ner, das Was­ser sei wie kuh­war­me Milch, und der jun­ge Herr, auf so einen ekel­haf­ten Ver­gleich müs­se erst ein­mal einer kom­men.

„Umbrin­gen?“

Hat­ten sie sich wirk­lich auf das Wort gestürzt?

„Da braucht es mehr als nur ein biss­chen Käl­te.“

Am Ende blieb Kar­la bloß ein paar Minu­ten, aber weil der jun­ge Herr sei­ne Ein­la­dung, sie doch besu­chen zu kom­men, nicht nur an ihn gerich­tet hat­te, stand Adri­an am Sonn­tag dar­auf mit ihr vor dem Tor der Vil­la und lern­te auch die ande­ren Bewoh­ner ken­nen, die dort ein­quar­tiert waren. Sie spiel­ten gera­de Fuß­ball, drei gegen drei auf ein Tor ohne Tor­wart, das mit Hand­tü­chern mar­kiert war, die einen mit nack­ten Ober­kör­pern, die ande­ren in ihren Hem­den, alle bar­fuß außer Ste­g­ner mit sei­nen ortho­pä­di­schen Schu­hen, und sie hat­ten alle etwas mit ihren Gesich­tern, und der jun­ge Herr war gleich­zei­tig Schieds­rich­ter, steck­te bei schwe­ren Fouls Dau­men und Zei­ge­fin­ger in den Mund und pfiff. Er rann­te wie von allen guten Geis­tern ver­las­sen hin­ter dem Ball her, und Adri­an konn­te sehen, wie er sich immer nach Kar­la umdreh­te, wenn das Spiel ein­mal zum Still­stand kam, und hat­te spä­ter noch die Rufe im Ohr, die dem jun­gen Herrn gal­ten, glaub­te sich auch als älte­rer und dann alter Mann genau an die Stim­men erin­nern zu kön­nen.

„Lem­berg, schieß end­lich!“

Über den gan­zen Gar­ten hin­weg deut­lich zu hören, aber kei­ner, der über das „Schieß!“ erschrak, und allem Anschein nach nicht ein­mal einer, der sich Gedan­ken dar­über mach­te.

„Lem­berg, was drib­belst du so blöd her­um?“

Der jun­ge Herr war in sei­ne Pirou­et­ten ver­liebt und schoss nicht, dreh­te statt­des­sen eine Run­de um die ande­re auf der leicht abschüssigen Wie­se, war nicht vom Ball zu tren­nen, wenn er ihn ein­mal hat­te, und hät­te bei sei­nen Zick­zack­läu­fen ganz offen­sicht­lich am liebs­ten auch noch Räder geschla­gen vor Freu­de darüber, dass Kar­la anwe­send war und ihm zusah.

„Ver­dammt, Lem­berg, was ist mit dir? Direkt vor dem Tor, und du schläfst! War­um hast du nicht geschos­sen?“

Es war ein Vergnügen, ihm zuzu­se­hen, und erfüllte Adri­an doch mit Schre­cken, weil der jun­ge Herr den Ein­druck erweck­te, er sei der Ver­zweif­lung immer bloß um einen oder zwei Schrit­te vor­aus und dürfe um nichts in der Welt ste­hen­blei­ben. Er schien alles um sich ver­ges­sen zu haben, ver­ges­sen, wel­ches Jahr es war und dass er kein vor­zeig­ba­res Gesicht mehr hat­te, und nur noch lau­fen und lau­fen zu wol­len, bis ihm die Luft aus­ging oder eine höhe­re Macht ihn erhör­te und ihm sein altes Leben zurückgab, aber dann konn­ten ihn die Tat­sa­chen doch jeder­zeit wie­der ein­ho­len. Ste­g­ner sag­te, an ihm sei ein Stürmer der Extra­klas­se ver­lo­ren­ge­gan­gen, und schrieb ihm eng­li­sche Qua­li­tä­ten zu, was kei­ne zwei Jah­re nach dem Krieg ein unsi­che­res Kom­pli­ment war, das er gleich selbst damit zunich­te mach­te, dass er laut „Gott stra­fe Eng­land!“ schrie, die alte Paro­le, und auf den jun­gen Herrn losstürmte, als woll­te er ihn im nächs­ten Augen­blick mas­sa­krie­ren.

„Aus dem Weg, Lem­berg, oder ich mache dich fer­tig!“

Adri­an hät­te an die­sem Tag selbst gern mit­ge­spielt. Er war nicht im Krieg gewe­sen, aber sie waren alle fast gleich alt wie er, nur weni­ge Jah­re älter, und er fühlte sich ihnen in einer para­do­xen Sehn­sucht zuge­hö­rig und hät­te noch Jah­re spä­ter im Schlaf ihre Namen auf­sa­gen kön­nen, kaum dass er sie ein­mal gehört hat­te, natürlich bloß die Nach­na­men, wie es beim Mili­tär üblich war, sechs an der Zahl, und ja, sie hat­ten alle etwas mit ihren Gesich­tern, alle Wun­den, die recht und schlecht zusam­men­ge­flickt und nur mehr oder weni­ger ver­heilt waren, und spran­gen mit ihren Köp­fen in die hohen Bäl­le, als hät­ten sie nichts mehr zu ver­lie­ren, leg­ten es dar­auf an, sich ihre Visa­gen noch ein­mal blu­tig zu schla­gen oder sie sich endgültig zu zer­schmet­tern. War es Loya­li­tät? War es bloß sein schlech­tes Gewis­sen? War es Begeis­te­rung? Ein jeder von ihnen hat­te sei­ne Schre­ckens­ge­schich­te, die Adri­an erspart geblie­ben war, und er konn­te nicht sagen, war­um er jeden ein­zel­nen als sei­nen Bru­der emp­fand. Er wuss­te nur, vier­zig Mann ent­spra­chen sechs Pfer­den, wenn sie beim Trans­port an die Front ein­wag­go­niert wur­den, also ent­spra­chen sechs Mann nicht ganz einem Pferd, und er wäre der sieb­te gewe­sen, der feh­len­de Joker, für den dann aller­dings erst Platz geschaf­fen wer­den müsste.

Spä­ter gin­gen sie alle zum See hin­un­ter, und Kar­la muss­te sich umdre­hen, damit die Inva­li­den sich aus­zie­hen und von ihr unge­se­hen ins Was­ser stei­gen konn­ten. Der jun­ge Herr schwamm weit hin­aus und Ste­g­ner lan­ge hin­ter ihm her, bis er ihn end­lich abgeschüttelt hat­te, und wie­der schien er in Bewe­gung blei­ben zu wol­len, solan­ge er konn­te, schien sich mit sei­nem kraft­vol­len Kraul in eine Trance hin­ein­zu­schla­gen und kam erschöpft und um Luft rin­gend wie­der zurück, trot­te­te gemein­sam mit den ande­ren, die sich am Rand gehal­ten hat­ten, an Land. Sein Kör­per war weiß und mager im gera­de ein­set­zen­den Nie­sel­re­gen, der Kör­per fast noch eines Kin­des, unver­letzt und jung, wenn man das Gesicht aus­spar­te, und so wenig Männ­li­ches an ihm, dass man sich frag­te, was ihn überhaupt jemals für den Krieg aus­er­se­hen hat­te. Zumin­dest war das Kar­las Mei­nung, die es sich trotz der Auf­for­de­rung, nicht hin­zu­schau­en, nicht hat­te neh­men las­sen, ein paar Bli­cke zu erha­schen, und sich auf dem Nach­hau­se­weg darüber aus­ließ.

„Der hät­te doch nie an eine Front gehört“, sag­te sie. „Bes­ser hät­te man ihn noch eine Wei­le in einer Sand­kis­te spie­len las­sen und dann geschaut, was aus ihm wird. Hast du die Sta­tur gese­hen? Nir­gend­wo auch nur ein Ansatz von Mus­keln, und auf dem Kopf noch sei­ne Eier­scha­len.“  […]

© Carl Han­ser Ver­lag München GmbH & Co. KG, München

Das Buch erscheint am 17. Febru­ar.

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Nor­bert Gst­rein, 1961 in Tirol gebo­ren, lebt in Ham­burg. Für sein Werk erhielt er unter ande­rem den Alfred-Döb­lin-Preis, den Lite­ra­tur­preis der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung, den Uwe-John­son-Preis, den Öster­rei­chi­schen Buch­preis und den Tho­mas-Mann-Preis. Zuletzt erschie­nen die Roma­ne Vier Tage, drei Näch­te (Roman, 2022) und Mehr als nur ein Frem­der (2023).

Nor­bert Gst­rein: Im ers­ten Licht
Roman. Han­ser, Mün­chen 2026
416 Sei­ten, € 27 (D), € 27,80 (A)

Online seit: 14. Febru­ar 2026

Zuletzt geän­dert: 16. Feb. 2026